Dirk Knipphals, taz: Die Chance liegt in der Definition des Kulturbegriffs

Ein Essay zu François Julliens „Es gibt keine kulturelle Identität“ (Edition Suhrkamp) aus der aktuellen taz.am wochenende

Hier der Link zum Artikel: http://www.taz.de/!5464534/

Die neurechten Vordenker der AfD sind – neben allem, was sie sonst noch so sind – Deutschlands größte Kulturrelativierer.

Von dieser These geht Knipphals aus und in den ihr folgenden Abschnitten erklärt er sie in klaren Sätzen. Er verknüpft sein Wissen über die neurechte Ideologie (Götz Kubitscheck wird zitiert) mit deren Einfluss auf die Politik der Mitte und prüft beides vor dem Hintergrund des oben genannten Bändchens. Dabei wird deutlich, dass Julliens Argumentation wirklich geeignet ist, dem Rechtsdrift der bürgerlichen Parteien etwas entgegenzusetzen.

Ganz grob zusammengefasst (ihr sollt ja eigentlich den Artikel lesen…): Kultur geht vom Subjekt aus und dieses ist in sich nicht beständig. Im Gegenteil, es lässt sich permanent von seiner Umgebung beeinflussen, es passt sich an oder widerspricht. Dieses Profitieren von – wie Jullien sagt – „Abständen“ lässt sich auf den Kulturbegriff übertragen.

Dass diese Argumentation nicht geeignet ist, dogmatische Identitäre und AfDler umzustimmen, das weiß natürlich auch Knipphals. Aber ohnehin:

In den anstehenden kulturpolitischen Debatten wird es vielmehr wichtig sein, die Mitte davor zu bewahren, ihr kulturelles Selbstverständnis (wieder) vermehrt in identitären Begriffen auszulegen.

Und dieses Potential sieht er in Julliens Vorschlag für ein alternatives Verständnis des Kulturbegriffs durchaus.

Das ist spannend und eine Perspektive, die nicht nur Hoffnung auf einen guten Ausgang der Debatte macht, sondern auch Lust auf die Diskussion selbst – dank neuer, schlagkräftiger Argumente.


Bildquelle: https://itunes.apple.com/ie/app/taz/id779476536?mt=8

 

Nachgefragtseiten 2.0

Meine lieben vier Follower,

ich versuche es jetzt nochmal mit dem Bloggen. Vielleicht freunde ich mich ja doch noch damit an. Zwei neue Beiträge sind kurz vor der Veröffentlichung, und ab jetzt möchte ich versuchen, jede Woche einen neuen Text einzustellen. Ich möchte nicht zu viel versprechen, aber man braucht ja Utopien. Vielleicht klappt’s ja.

Gut, und jetzt wende ich mich mal der praktischen Umsetzung dieser Idee an und schreibe die Beiträge fertig.

 

Briefwechsel mit Kommunisten

Ich wurde heute von meinem Posteingang mit einer Antwort auf eine Lesermail überrascht, die ich im Februar diesen Jahres geschrieben hatte. Ich hatte damals in der taz eine Ausgabe der kommunistischen Zeitung „Straßen aus Zucker“ (SaZ) gefunden und nach der Lektüre eines Artikels über die Degrowth-Bewegung eine Kritik verfasst. Mir war die SaZ hier zu einseitig, zu einfach, zu dogmatisch. Zu sehr klammerte sich die Rhetorik an den Marktwirtschaftsvorwurf, der ideologisch begründet alles, was nicht Kommunismus ist, für schädlich erklärt. Aus der Antwort, die ich erhalten habe (und über die ich mich wirklich gefreut habe, ich aber nicht veröffentlichen werde wegen Eigentumsrechten und so), zitiere ich frei folgendes: „Wir wollen nicht wie die Postwachstumsbewegung ein Zurück, sondern ein Vorwärts in die befreite Gesellschaft.“ Auch das passte und passt mir nicht – alles, was irgendwie mit Degrowth zu tun hat, als veraltet zu verurteilen. Das finde ich sehr unfair und ruft bei mir dumpf den Eindruck einer Instrumentalisierung eines Aspekts dieses breiten Spektrums an Varianten und Denkweisen zu eigenen Mitteln hervor: eine Schwarz-Weiß-Zeichnung.

Denn Degrowth mit seinen vielen unterschiedlichen Facetten ist in sich so schon komplex, dass es eine recht anmaßende Haltung ist, ihn rundheraus für falsch zu erklären. Es gibt hier so viele spannende und sehr linke Ansätze, wie beispielsweise die Sharing Economy, das bedingungslose Grundeinkommen, aber auch dringend notwendige konkrete Ideen für die Anpassung an den Klimawandel (1 Billion Tree Campaign, Dezentralisierung der Wirtschaft und und und). Hier kann ich die Beschäftigung mit Plant for the Planet für Einsteiger und die Lektüre von Franz-Josef Radermacher (öko, aber recht konservativ) oder Nico Peach empfehlen (pragmatische, nicht ins Links-Rechts-Mitte-Schema einzuordnende Postwachstumsideen).

Um endlich mal die Quelle aus SaZ zu verlinken: Hier findet ihr eine kritische und wie gesagt kommunistische Zusammenfassung der Degrowthideen und eine im Artikel omnipräsente Meinung dazu.

In der Antwort der SaZ-Redaktion fand sich ein Link zum Weiterlesen mit einer linken Kritik an Nico Peach. Ich las auch diese und fand sehr ähnliche Argumente vor, wie schon im ausschlaggebenden Artikel und der Antwort auf meinen Leserbrief: Es wurden verschiedene Arten von Wachstum (als Beispiele: Wachstum im Kaffeehandel und solches im Pflegebereich – in der Degrowth-Logik wird ja nur jenes als zu vermeiden angesehen, das eine zusätzliche Ausbeutung der Ressourcen zur Folge hat und dazu gehört Wachstum im Pflegesektor nicht) verwechselt, ob mutwillig oder aus Unwissenheit, ihm wird das Fehlen einer „gesellschaftswissenschaftlichen Analyse“ des Konsumverhaltens vorgeworfen, das Konzept sei außerdem in Teilen zu hierarchisch gedacht und verwandt mit rechter Rhetorik. Mal abgesehen davon, dass ich einige Argumente nicht ernst nehmen konnte, wie folgendes Zitat als Kommentar zu Peachs Ideal der Förderung von Kleinunternehmen:

 Es zeigt sich immer wieder, dass viele Kleinunternehmen durch besonders prekäre Arbeitsbedingungen gekennzeichnet sind. Auch um die Umweltbilanz dezentraler Produktionskapazitäten ist es oft nicht zum Besten bestellt. Und außerdem weisen kleinere und mittlere Betriebe allzu oft noch undemokratischere und autoritärere Entscheidungs- und Organisationsstrukturen auf als die Großunternehmen.

– Geert Naber

Ich habe meine Schwierigkeiten mit diesem ehrgeizigen Ziel, die Welt durch eine große Revolution zu einem paradiesischen Ort machen zu wollen. Mal abgesehen davon, dass mir diese kommunistische Neigung, die Welt in Falsch und Richtig, in Vorwärts und Rückwärts zu unterteilen, den Appetit verdirbt. Wäre es nicht viel sinn- und angesichts der schnellen, unberechenbaren Veränderung der klimatischen Bedingungen auf der Erde viele kleine, zusammenhängende und effiziente Schritte zu machen? Im Sinne von vielen Bürgerinitiativen, kleinen und mittleren Projekten, Petitionen, Neugründungen von Parteien, regionalen oder kommunalen Veränderungen. So gibt man den Menschen eine Chance, sich an das Neue zu gewöhnen und das Gute darin zu entdecken, man vermeidet also Überforderung und somit Ablehnung. Eine stückweise Umstellung auf eine Wirtschaft, die anstelle von Konkurrenz an Kooperation, anstelle von Quantität an Qualität und anstelle von Ersetzung an Instandhaltung und Reparatur spezialisiert ist, wäre also viel nachhaltiger. Und gleichzeitig ginge sie vermutlicher rascher voran.

Insofern legt der Kommunismus einer wirklich effizienten Anpassung der globalen und der regionalen Wirtschaftsweisen an schon stattfindende Veränderungen sogar Steine in den Weg. Wobei er damit ja nicht die einzige Ideologie und wohl auch nicht die mächtigste ist.

 

–  Ich freue mich, wenn ihr eure Sichtweisen zu meiner Meinung hinterlasst! So ähnlich wie mein Dialog mit der SaZ würden diese mich sicherlich auch sehr viel weiterbringen als es jedes eigene Nachdenken vermögen könnte. –

Das sechste Ereignis

9. November 1848     Die Exekutierung Robert Blums.

9. November 1918     Die Republik wird im Deutschen Reich gleich zweimal ausgerufen.

9. November 1923     Der Hitler-Putsch scheitert.

9. November 1938     Die Reichsprogromnacht.

9. November 1989     Der Mauerfall.

9. November 2016     Donald Trump wird zum Präsidenten der USA gewählt.

Was für ein Datum!

Trump scheint unberechenbar und  zurecht bereitet es Bauchschmerzen, dass jemand wie er nun Macht über Atomraketen hat. Reichte nicht Kim Jong-Un? Und unabhängig davon, ob er nun protektionistische und USA-fixierte Politik machen wird (falls man das so nennen kann – Politik) – der Mann leugnet den Klimawandel. Vier Jahre sind eine lange Zeit in der Zeitrechnung der Klimakrise. Dass er das Amt innehalten wird, wird auch Auswirkungen auf das Leben von Deutschen und sowieso allen Nicht-US-Amerikanern haben, mindestens mal was das angeht.

Das verlinkt Video habe ich auf der Homepage der New York Times gefunden, es ist zwar sehr kurz, aber sehr eindrücklich. Alle sind sie außer sich – die einen vor Freude, die anderen vor Sorge.

http://www.nytimes.com/video/us/politics/100000004754685/donald-trump-wins-president-2016.html?action=click&contentCollection=us&module=embedded&region=caption&pgtype=article

Was ich über die freie Presse denke und was ich alles nicht weiß

Ich weiß nämlich tatsächlich fast nichts, das muss ich ernüchternderweise gleich vorwegnehmen. Oder, um es zu konkretisieren: Über die Türkei und über die Vorgänge dort weiß ich so wenig, dass ich mir nicht herausnehmen kann, eine Meinung dazu zu haben. Und da ich von Halbwissen wenig halte, werde ich auch konsequenterweise keine Beurteilung der Lage und der Positionen herbeischreiben, das wäre erbärmlich – es geht mir vielmehr darum, einen einzigen Punkt klar zu machen: Lasst uns nicht die Wertschätzung für die Pressefreiheit verlieren.

In der Türkei, das habe ich bei der Lektüre der aktuellen Ausgabe der ZEIT spüren gelernt, geht es Schlag auf Schlag und der Pressefreiheit soll das Rückgrat gebrochen werden. Unter dem Text sind die Links zu zwei  Artikeln zu finden, der erste der beiden die Kolumne von Can Dündar, letzterer eine Bestandsaufnahme zum Vorgehen gegen die Cumhuriyet von Çigdem Akyol. Jener, der mich am nachhaltigsten schockierte, war auf der Homepage der ZEIT leider unauffindbar (wer die Printausgabe hat: ich meine „Sie sollen schweigen“ auf Seite 8). Auf der ganzen großen Zeitungsseite stehen nur wenige Worte, die 29 Portraitfotos mit ihren knappen Bildunterschriften von inhaftierten oder strafrechtlich verfolgten Journalisten und Autoren sind deutlicher alleine.

In der Türkei werden aus schwer nachprüfbaren und nachvollziehbaren Gründen Publizisten aus dem Verkehr gezogen, einfach so und das lässt mir kalte Schauder über den Rücken laufen. Der ganz frühe deutsche Republikaner Philipp Jakob Siebenpfeiffer musste sich nach seinem Auftritt auf dem Hambacher Fest vor Gericht verantworten und dabei fiel jener Satz: „An […] der Wiege [der Republik] steht […] eine hellsehende Wächterin, welche die alten und neuen Republiken nicht kannten, die freie Presse, die mit tausend Argusaugen sie überwacht, damit die Schlangen des Ehrgeizes und der Selbstsucht sich in scheuer Ferne halten.“ Was im hessischen Lehrplan so schön „Mediendemokratie“ heißt, hat Siebenpfeiffer im Prinzip auch schon gesagt, bloß dachte er nicht an die Demokratie, sondern war vom revolutionären Gedanken der Republik (wenn man bedenkt, wie viel später das erst Wirklichkeit werden sollte!) beseelt. Die Pressefreiheit ist Voraussetzung für eine echte Demokratie, das sagt auch 2016 noch Can Dündar. Als wäre dieser beinah vollkommene Verlust nicht schon furchteinflößend genug, setzt er noch einen oben drauf, wenn er sich auf sein Interview mit Edzard Reuter bezieht, der die Entwicklungen in der Türkei mit den frühen NS-Jahren vergleicht. Es ist eine sehr diffuse, aber heftige Besorgnis, die ich, was das betrifft, in mir fühle. Denn das ist der Punkt, ab dem ich vernünftig informiert sein müsste, um diese Aussage beurteilen zu können.

All dies mögen keine neuen Erkenntnisse sein, aber ich finde es sehr wertvoll, sich diese Sorgen anzutun. In mir wächst augenblicklich das Bedürfnis, die Presse in Deutschland zu beobachten, zu kritisieren, auszuschöpfen in ihrer doch beruhigend großen Vielfalt und dabei den Wert der Pressefreiheit zu verinnerlichen. Jenes, mich mit den aktuellen Geschehnissen in der Türkei auseinanderzusetzen. Und der Cumhuriyet – der „Republik“, wie sie auf Deutsch heißen würde – und ihren Redakteuren die Daumen zu drücken! Ich habe eine solche Hochachtung vor dieser Ausdauer, diesem überzeugten Willen und dem Mut.

http://www.zeit.de/2016/46/cumhuriyet-pressefreiheit-tuerkei-can-duendar

http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-11/cumhuriyet-tuerkei-journalisten-saeuberungswelle-recep-tayyip-erdogan/komplettansicht

Russland entschlüsseln

Das ist die Aufgabe, der dekoder sich gewidmet hat. Journalistische Texte aus unabhängigen Medien ins Deutsche übersetzen und mit Gnosen versehen, sodass uns dieser komplexe Staat, auf den einfache Erklärungen fast so gerne angewandt werden wie auf den Islam, verständlicher wird. Gnose, das ist eine Wortneuschöpfung des Redaktionsteams von dekoder (das eigentlich mit einem kyrillischen d geschrieben wird – leider geben diesen Buchstaben weder meine Tastatur noch die Sonderzeichentabelle her) und es bezeichnet kurze, begriffsklärende Texte. Die Idee ist prinzipiell der der Anmerkungen in Reclam-XL-Heftchen oder in guten historischen Romanen recht ähnlich. Nicht nur übersetzen – entschlüsseln! Gnosen helfen dabei.

Ich habe mich schon ein bisschen auf der Leseplattform (nebenbei: das ganze Angebot ist kostenlos) umgeguckt und fand’s toll. Ich muss nämlich zugeben, dass ich mich aus Diskussionen über Russland und die Ukraine-Krise und Syrien und MH17 und all das, immer vornehm ausklinke – ich habe keine Ahnung. Mithilfe von dekoder werde ich mich hoffentlich ein bisschen zurechtfinden im Russischen.

http://www.dekoder.org/de/worum-es-geht

Harald Welzer lebe hoch!

Denn er hat für die vorletzte Ausgabe der zeozwei (abonniert sie!) einen genialen Essay geschrieben. Unter dem Titel „Menschenfeinde sind das Problem“ (okay, in der Online-Ausgabe heißt er anders) vermag er es, die ganze Absurdität der Diskussion um die vermeindliche Flüchltingskrise darzustellen.

Ohne zu dramatisieren, wo es nichts zu dramatisieren gäbe und ohne pessimistisch zu stimmen, dreht er den Spieß um und macht klar, dass es die polarisierenden Argumente der Ausgrenzer sind, die die öffentliche Meinung prägen und wie gefährlich diese Situation ist.

AfD, CSU und Co. setzen nämich voraus, dass die Zuflucht suchenden Menschen selbst das Problem sind und nutzen sie als Vorwand, sich menschen- und demokratieverachtend äußern zu können. In der Folge werden die Opfer dieser Rhetorik zum Fokus der Diskussion, obschon es ihretwegen gar keinen Anlass zu größeren Debatten gäbe. Wie Juli Zeh in der gleichen Ausgabe so schön sagte: „Wir müssen sehen, dass die alle ein Dach über dem Kopf und was zu essen haben, dass sie ihr Asyverfahren bekommen und möglichst arbeiten und auch die Sprache lernen können, sofern sie bleiben. Darum geht es.“

Es ist einfach unfassbar, dass durch einen Mangel an Widerspruch diesen Politikern so viel Macht bleibt – schließlich beeinflussen von Storch und Freunde ohne zu regieren auf diese Weise indirekt auch konkrete politische Maßnahmen.

Ich für meinen Teil werde den Essay Wort für Wort auswendig lernen und jedem um die Ohren hauen, der mir erzählen möchte, „die Flüchtlinge“ seien ein Problem.

Harald Welzer bespricht die Thematik viel umfassender und bringt eine Sichtweise auf den Punkt, die ich auf konfuse Art und Weise schon lange teile. Und er bleibt trotz allem Optimist:

Also steht man vor der paradoxen Aufgabe, die Mehrheit, die für die offene Gesellschaft eintritt, gegen die medial und politisch befeuerte Minderheit der Ausgrenzer zu schützen. Das sollte möglich sein.

Und für alle Zahlen-Daten-Fakten-Fans: Nur 14 Prozent der flüchtenden Menschen versuchen, sich auf reiche Länder zu verteilen. Die übrigen 86 Prozent kommen in Ländern unter, die finanziell und administrativ deutlich schlechter dastehen.

http://www.taz.de/Fluechtlinge-in-Deutschland/!5293438/

Die Welt ist voller Lösungen

Das ist der Untertitel des wahrscheinlich besten Films, den ich dieses Jahr im Kino gesehen habe. Er heißt „Tomorrow“ und ist einfach genial.

Cyril Dion, ein französischer Autor, Regisseur, Dichter und Aktivist und Mélanie Laurent, eine französische Schauspielerin, haben einfach großartige Arbeit geleistet, der viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird (Habt ihr irgendwo von dem Film gehört oder gelesen? Falls ja, schreibt mir in die Kommentare wo!). „Tomorrow“ ist das Gegenstück zu den zahlreichen Filmen, die nahende Katastrophen und/oder Missstände dokumentieren. Was in solchen Dokumentationen typischerweise gegen Ende kurz angesprochen wird, dem widmet sich Dions und Laurents Film in Gänze: Was man tun kann, um das Übel zu verhindern oder den status quo zu verbessern.

111 Minuten lang stellt das Film-Team uns Menschen aus aller Welt vor, die kreative Lösungen für aktuelle Probleme aller Art in petto haben. Dabei hat keiner von ihnen den Anspruch, die Welt zu retten. Es sind alle samt bodenständige Menschen, die aufgrund eines spezifischen Erlebnisses das Bedürfnis hatten, etwas konkret zu verändern.

Aber der Film beschränkt sich nicht auf gärtnernde Hausfrauen (wobei mir persönlich vor allem die beiden sehr gut gefallen haben, gerade weil sie so normal sind. Sucht mal im Internet nach „Incredible Edible“, das war deren Idee.), er erzählt auch von den Bürgern Islands, die 2009 standhaft solange auf dem Platz vor dem Parlament friedlich demonstrierten, bis die gesamte Regierung (!!!) sowie der Vorsitzende der Zentralbank zurücktraten. Ein Bürgergremium arbeitete anschließend eine neue Verfassung aus, schließlich waren in Island Vetternwirtschaft und Korruption zuvor an der Tagesordnung gewesen. Islands neu gewählt Regierung hat daraufhin nicht etwa die Banken gerettet, sondern ließ diese pleite gehen – und kümmerte sich um seine Bürger. Heute steht es besser da als viele, viele andere Staaten, die – so wie Deutschland – ihren Banken aus der Patsche halfen. Für alle, die das näher interessiert: Guckt euch den Film an und lest den unten zusätzlich verlinkten kurzen Artikel aus der taz.

„Tomorrow“ verbindet in kurzen Teasern zwischen den Portraits eine offene Frage mit der nächsten und schlägt geschickt den Bogen von Ernährung über Energie, Wirtschaft, Bildung bis hin zur Demokratie. Es ist sehr beeindruckend, wie die Macher es schaffen, innerhalb von zwei Stunden die Zusammenhänge darzustellen ohne sich in Erläuterungen zu verlieren. Das Hauptaugenmerk liegt eben auf den Lösungen, nicht auf den Problemen – von denen habe wir genug gehört! Es macht so gute Laune, all diese tollen Projekte kennenzulernen und zu spüren, dass eben nicht alle Hoffnung verloren ist. Egal, wie groß und intransparent uns die Krisen unserer Zeit scheinen: Es gibt Auswege, man muss sich nur daran erinnern, dass die meisten Menschen gut und nett sind und dann einfach anfangen. Das ist die Botschaft, die „Tomorrow“ seinen Zuschauern mitgibt und es ist einfach so, so wichtig, sie sich zu Herzen zu nehmen. Gärtnert, schreibt, geht zu Demonstrationen!

…oder besser erstmal ins Kino: Hier unten findet ihr den Trailer, den taz-Artikel und vor allem den Link zur „Tomorrow“-Internetseite. Ihr könnt dort herausfinden, in welchen Kinos ihr den Film noch sehen könnt und findet Informationen zu den Aktivisten und Experten, mit denen die Macher zusammengearbeitet haben.

http://www.taz.de/!5084590/

http://www.tomorrow-derfilm.de/wo-zu-sehen.html

Neues von Nils Sandrisser

Ich bin wieder einmal begeistert von seinem Kommentar in der aktuellen Evangelischen Sonntagszeitung.

Unter dem Titel „Zynisch“ betrachtet er die Vorgänge in der Rüstungsindustrie und vor allem Deutschlands Rolle im internationalen Handel mit Waffen. Deutschland ist auf Platz drei der Weltrangliste der Waffenexporteure, nach den USA und Russland. Sandrisser urteilt auch klar und hart über die ewige Lieblingsrechtfertigung: die Arbeitsplätze.

Sehr, sehr lesenswert, sehr gut auf den Punkt gebracht und wie immer klar und ohne viel Drumherum.

http://evangelische-sonntags-zeitung.ekhn.de/aktuelles/meinung.html

Eine Kritik an der Systemkritik

Nicht das System handelt, sondern der Mensch. Und nicht mit einer neuen Spezies Mensch, die alles richtig macht, sondern mit der einzigen, die es gibt und die wir alle kennen, müssen wir unser eigenes Handeln so verändern, dass sich die Umstände verbessern.

Das sind im Großen und Ganzen die wichtigsten Thesen der Polemik von Gerrit Wustmann, erschienen bei telepolis. Das Problem mit der Idee des „neuen Menschen“, aus welchem Munde sie auch kommen mag, ob von Engels, von Biotechnologen oder von Rechtsintelektuellen, sie lebt immer von der Idee, dass es eine absolute Wahrheit und auf der anderen Seite die Lüge gibt. Und selbstverständlich müssen diejenigen Menschen, die der Lüge verfallen sind, irgendwie aus dem Weg geräumt oder bekehrt werden. Jedes Verurteilen einer Gruppe in der Gesellschaft lebt von diesem Gedanken. Jeder absolute Anspruch an die Menschheit tut das. Das Doppelmoral von Seiten des Philosophierenden hier keine Seltenheit ist, das brauche ich wohl nicht näher auszuführen – niemand kann solche Ideale erfüllen, schon gar nicht der Fordernde selbst.

Derlei Kritik geht häufig, wenn nicht gar immer, so Wustmann, mit Kritik „am System“ einher – „der Mensch“ sei der Systemschwindelei verfallen und rebelliere darum nicht dagegen. Allerdings handelt ja nicht das System selbst, sondern jene Menschen, die ihn im leben. Ihre Aufgabe ist es folglich, durch Politik die Rahmenbedingungen (nicht die konkrete Situation jedes Einzelnen) so zu verändern, dass sich die Lage für möglichst viele Menschen verbessere. Und dies immer wieder zu tun. Sich ständig selbst zu hinterfragen und entsprechend zu agieren, das ist der springende Punkt. So wird niemand zum Verlorenen, weil der „Lüge“ verfallen und niemand kann von sich behaupten, die Wahrheit zu besitzen.

Mit absoluten Ansprüchen und mit dem allzu Simplen für nichtig Erklären eines gesamten Systems kommt man nicht weiter als bis zur nächsten großen Ungerechtigkeit.

Liest sich leicht, leichter als meine Zusammenfassung, denke ich, und bringt auf den Punkt, warum diejenigen, die selbstreflektiert und rücksichtsvoll sind, nicht als Gutmenschen abgestempelt werden dürfen. Ich fand’s toll.

http://www.heise.de/tp/artikel/48/48371/2.html